moiré

manchmal stelle ich mir vor, ich sei die hauptfigur in einem film. der film müsste schwarz/weiß sein und von ja und neins und auf und abs handeln. von menschen, die mich streifen, wenn sie mich streifen möchten.

meist würde ich gespiegelt werden: in schaufenstern von cafés, in monitoren oder der fernsehscheibe, hinter der ein krimi läuft, ein winterkrimi, weiß wie schnee und rot wie blut.

ich würde in den augen von menschen gespiegelt werden oder in deren taten, die mir sagen, wer ich bin und was es daraufhin zu tun gibt. oder was man besser sein lässt und begräbt im kopf oder im garten.

im film trinke ich sehr viel kaffee oder tee, manchmal sitze ich auf einem schoß,
manchmal liege ich in einem arm,
sehr oft unter der decke auf einem weißen laken.

im film warte ich meistens. auf dem immer gleichen sessel, den blick zur tür.
man hört das überlaute ticken einer uhr und man sieht mich in der stille gespiegelt im glas der tür.
manchmal läutet jemand. an der tür oder im chat oder am telefon.

im soundtrack meines films kämen bloc party, the national, the editors, sigur rós, bonobo, fink, kettcar und the notwist vor. und nick cave und tom waits, sie passen so gut zu kaffee und zigaretten.

als hauptdarstellerin würde ich mich selber wählen.
ich selber würde den film mögen.

andere würden aufstehen und gehen und
erst einmal ein bier trinken an der bar.

im spiegel hinter den aufgereihten flaschen wäre aber schon wieder ich. gespiegelt. vor mir ein glas rotwein.
es gibt kein entkommen.
wann versteht ihr denn endlich?

vielleicht trage ich im film
ein weißes shirt mit schwarzen streifen.
oder eine schwarze bluse.
ich bin mir noch nicht sicher.

„du warst gut, baby!“

vormittag. ich sitze vor meinem rechner. homeoffice. alle machen jetzt homeoffice. alle machen mir stets alles nach. schon wieder war ich trendsetter und keiner dankt es mir. nirgends steht: unser großer dank geht an die pionierin des homeoffice, frau blablabla. was hatte ich mir auf facebook die finger wund getippt mit dem täglichen post „homeofficeler bekleidet“. ach, was werden mich alle kopiert haben: „ich sitze noch im schlafanzug vor dem rechner“, „frisch geduscht und ordentlich bekleidet bis auf untenrum“, „outfit donnerstag“, alles mit foto belegt, versteht sich.

wie gut, dass ich nicht mehr auf facebook bin. müsste mich ja im grab umdrehen. oder im bett. oder wo ich gerade herumliege.

die sonne scheint mich von der seite an. solange sie nicht wieder befiehlt: „raus jetzt, raus jetzt noch schnell, bald ist WINTER. du weißt schon, WINTER, raus mit dir, raus!“. ach, was stresst sie mich, die sonne mit ihrem elan.
setz dich jetzt mal mit strumpfhose in die sonne, sonne, möchte ich sagen. dann weißt du was unangenehm ist. aber geh heute ohne strumpfhose in den schatten, sonne, dann weißt du was schattig ist. sie antwortet nicht, die sonne. natürlich nicht.

überhaupt antwortet heute niemand. ich warte. meine reklamation wird bearbeitet. ich habe mehrere reklamationen im umlauf. bei manchen steht „in bearbeitung“, andere ignorieren mich. ich bin sehr gut geworden im warten und ignoriert werden aushalten.

was für eine energie sich hier auflädt. holla die waldfee. ich darf sie nur selber nutzen, nicht rausgeben und weiter verkaufen. schade. aber, pah, ist mir doch egal. ich energiere wie ich will und ich denke, was ich will. und ich darf. denken und mir eine meinung bilden. nur sagen sollte man die meinung nicht immer. gähn, lernt man auch. gähn.

polarisiert, splittet und nervt. und wenn man dann bekommt, was man will, macht es keinen spaß mehr. schöner wäre es, es käme von alleine, ohne dass man was sagen muss.

sagt deshalb einfach immer schön: „du warst gut, baby!“. das kann generell nie schaden. es baut alle um euch herum auf und gibt unglaublich viel zurück. nur so als tipp, weil ich grade tippe.

draußen eine riesenbetonmischmaschine. sie wird beton auf meinen kopf schütten. also in die wohnung über mir. nicht, dass noch was landet in meinem kopf. denn da ist es leider schon so voll. weil ich ja so viel denke. hin und her und her und hin. und am ende denke ich noch, darf man denn so denken oder nicht und was denke ich eigentlich wirklich. denke i c h das oder denke ich was der andere will. und warum denken andere nicht so viel. und hat wirklich jemand gedacht, mein kopf sei nur dazu da, dass meine schönheit irgendwo festgeschraubt ist?

es wird also viel gedacht und wenig gemacht. nur die kirchenglocke läutet ordentlich, erst vier-, dann elfmal. bis der hund hinten im hof mitjault. ich mag den hund. recht hat er. ist ja nicht auszuhalten.

konservierte euphorie

und so ergab
alles ein ganzes

es gefiel und ließ
sich einordnen

die vertrautheit
trunken und nackt
von unscharfem licht
umhüllt

alles war
zu boden gefallen
und dort verblieben

es galt
die zeit auszuschöpfen

blicke verfolgten hände

ohren hörten und
speicherten
jedes noch so
minimale geräusch
in audioschnipsel

augen unterteilten
in jederzeit abrufbereite quadratfragmente

dann kam die stille

immer kam am ende die stille

manchmal landete
die euphorie
konserviert
wieder auf dem teller
erneut labte man sich daran
in unruhigen
brüchigen abständen

fuhr mit der zungenspitze
lippen nach

das kinn
wundgescheuert

der tag

der tag beginnt mit dem türken im zweiten stock gegenüber, der die fensterbretter putzt. jeden tag.

der einen teppichläufer ausschüttelt. jeden tag.

wir haben uns mal zugewunken. einmal. seitdem bin ich mir nicht mehr sicher, ob man das einfach so macht.
sich zuwinken.

beim griechischen gemüsehändler steht der trinker schon um neun bei den obstkisten und trinkt sein erstes bier und raucht.

der besitzer eines modeladens lässt sich vom gemüsehändler für instagram und facebook fotografieren. mal mitten auf der straße, mal lässig bei der gemüseauslage unter der rot-weißen markise, mal neckisch einen apfel in der hand, mal locker auf seinem teuren klapprad sitzend. aber immer perfekt gekleidet: mantel, hemd, weste, hut, hose, schuhe handgearbeitet, umgehängte schultertasche. es ist schön zu sehen, wie er sich inszeniert. ich muss immer an paris denken. schon dafür lohnt sich alles.

nach dem lüften der wohnung der weg ins arbeitszimmer. einen kaffee in der hand, den blick vom balkon auf die lange straße mit den alten häuserfronten, ein urbanes viertel, viele menschen, viel leben.

der blick auf die kreuzung wie aus einem wimmelbuch. autos kreuzen radfahrer kreuzen fußgänger kreuzen busse kreuzen kinderwagen kreuzen roller. nie ist etwas ernsthaftes passiert.

der raum so klein, so groß. das leben so voll, so leer.