1972

© otmar nickl

atmen

es war das jahr, in dem sie ziemlich viel verlor.
einen ort. freunde.

vieles musste neu geformt werden. im ton in ihren händen waren splitter,
im gebrannten ton brüche. es galt, vorsichtig zu sein.

am morgen stand sie auf. am abend ging sie schlafen.
sie schlief mal gut, mal blieb sie wach.
mal träumte sie alles klar, mal träumte sie wirr.

einmal tanzten zwei menschen und verschmolzen zu ying und yang.
schwarz und weiß gekleidet, einer bog sich nach rechts, einer nach links.
sie tanzten pogo zu the cure. eine schwarzweiße symbiose.
es gab nichts mehr hinzuzufügen.

jemand drohte ihr im traum, jemand lachte sie aus.
es waren harte zeiten.

gisbert sang ihr aus der seele. und kettcar.
sie saß im auto und im zug.
sie aß veganes porridge mit obst und zimt.
sie trank zu viel kaffee. dann wieder tee oder etwas mit ingwer.
sie hatte viele fragen. sie suchte ratgeber auf youtube.
sie hörte dämpfende meditationsmusik, die sie einlullte.
sie zündete räucherkerzen an, deren rauch sie mit den
händen aus dem fenster vertrieb.
sie roch verzweifelt nach patchouli und weißem salbei.
sie brachte alle zum gähnen.
der litanei-leierkasten ächzte.

sie ließ vieles los.

sie suchte die funken am horizont.
ihr blick kurzsichtig und verkniffen.
ihre gedanken verfärbt und verwaschen.
sie hoffte, dass ihre worte davon unberührt bleiben würden.

sie atmete.

rot

der wein war so rot

ich reichte dir
mein herz
auf einem silbertablett

du verspeistest es roh
und pulsierend
aus deinen händen

du labtest dich
an meinem herzblut

reinweiß
war schon lange
nichts mehr

ich prostete mir zu
und fand mich wunderschön
und begehrte

der wein
so rot
mein herz

© klara niklas

das treppenhaus

der termin war um 11 uhr. sie fand das haus und läutete. der türsummer ertönte, sie zog die schwere tür auf. der hausgang war steril und mit gesprenkelten steinfliesen ausgelegt, geradeaus führte eine graue betontreppe steil nach oben. die agentur war im siebten stock, sie suchte den aufzug und fand ihn in einem schmalen flur, der versteckt links lag, nur spärlich beleuchtet durch das licht, das durch die eingangstür einer firma fiel. kein bewegungsmelder sprang an und erhellte den flur, der schwarz vor ihr lag. der aufzug schimmerte schwach silbern, durch die türen fiel ein spalt grelles neonlicht, den aufzugschalter musste sie ertasten.

der aufzug fuhr langsam an, es dauerte ewigkeiten, bis er oben ankam. sie stand in den vorräumen einer investmentfirma und entnahm dem hinweisschild, dass sie den letzten stock zur agentur nur über eine treppe erreichen konnte. weiße treppenfliesen und weißer putz, durch das glasdach endlich tageslicht und sonne. oben angekommen belohnte einen die aussicht. „wunderbar, einzigartig, bombastisch“, das würden die besucher der agentur sagen, beeindruckt von der rundumsicht, der weite und den sehenswürdigkeiten der stadt.

nach dem besprechungstermin lief sie das helle treppenhaus hinab, landete wieder im stockwerk der investmentfirma, fand aber den aufzug nicht mehr. egal, sie würde das treppenhaus nehmen, das man rechts sehen konnte. nach unten ist leichter als nach oben, dachte sie. geht ja schnell. wieder setzte kein bewegungsmelder licht in gang, wieder fand sie keinen lichtschalter, aber sie konnte die stufenabsätze gut sehen und die ersten stufen waren kein problem, aber bei der ersten biegung schon erschien es ihr, als würde der lichteinfall weiter abschwächen. sie suchte sicherheitshalber den stählernen geländerlauf. eine weitere firma erschien im fünften stock. durch die glastür fiel beiges tageslicht, kein künstliches licht war zu sehen, die firmenräume verwaist und leer. der nächste stock erschien ihr wieder dunkler, aber nur noch ein paar stockwerke, die könne man ja wohl zu fuß bewältigen.

ihre hand fester am handlauf.

erste erinnerungssprenkel fielen ihr ein. geschichten der erfolgreichen betriebswirtschaftler unter der agentur, alles junge männer frisch vom studium, mit kurzen mänteln und engen hochgekrempelten chinohosen, die über den knöcheln endeten, die braungebrannten füße in lederslippern, die haare stets frisch geschnitten, die meisten trugen akkurate mit bartöl gepflegte bärte, ihr aftershave hatte den aufzug eingenommen, sie glaubte, den geruch auch im treppenhaus wahrzunehmen. ein dumpfes grollen, das sie nicht zuordnen konnte, kam von unten und verschwand wieder, hinterließ einen leichten druck auf ihren ohren und ihrem brustkorb. eine party hätte sie neulich gefeiert, die firma, am nächsten morgen hätte vor dem aufzug noch einer zugekokst und betrunken gelegen, man lachte.

sie ging weiter, lauschte, es war still. es schien ihr, als wäre die luft dicker und dichter, auch war das treppenhaus nicht kalt, eher schwül, der beton hatte wärme gespeichert und sauerstoff verschluckt. egal, es ist nicht mehr weit. sie war schon im dritten stock angelangt, als sie merkte, dass es keine durchscheinenden türen mehr gab. brandschutztüren aus stahl ersetzen ihren platz. ihr fiel ein, dass es drei stockwerke geben musste, die an ein hotel angrenzten, anscheinend die notausgänge. aber wo war die beleuchtung, es wurde immer dunkler, es gab kaum noch umrisse.

sie griff nach ihrem handy, holte kurz luft, ihr herz schlug schneller, sie spürte das pochen im hals. sie zwang sich, konzentriert zu atmen und versuchte, die taschenlampe des handys zu aktivieren, doch das funktionierte nicht. kein bläuliches licht kam aus dem handy, der schalter gab keine beleuchtete pineingabe frei. nichts. sie griff nach dem geländer, ging weiter nach unten. der weg nach oben wäre mittlerweile anstrengender, sie sei ja fast unten, redete sie sich ein. hörte sie da nicht… sie lauschte in den dunklen schacht, stieg stufe für stufe hinab, wieder eine kurve, wieder ein eck, weiter, weiter.

ihre augen gewöhnten sich nur langsam an die dunkelheit. es kam ihr vor, als würde sie mit der rechten hand, die das geländer umklammert hatte, jahrealten schmutz vor sich herschieben. wo seid ihr alle, schoß es ihr durch den kopf, wo wart ihr, und wo seid ihr jetzt alle hin?

zwei stockwerke weiter glaubte sie, ein atmen hinter sich wahrzunehmen. einen hauch, eine bewegung. sie ging schneller, ein fluchtimpuls überkam sie, der treppenschacht schien kein feind zu sein, oder doch? es hielten sich oft leute im haus auf, die dort nichts zu suchen hatten, war ihr erzählt worden. wo sollten sie sein, wenn nicht hier?

ich muss doch angekommen sein, fragte sie sich irgendwann, beim wiederholten ums eck gehen. sagt mir doch mal einer, wann die eingangstür kommt, durch die ich nach draußen gelange. auf die zweispurige einbahnstraße mit den vorbei rasenden autos, damit ich luft bekomme und den geruch loswerde, der sich in meiner jacke und meinen haaren gefangen hat, von diesen finanz- und werbemenschen, die nur zugekokst rumliegen und anderen das geld aus der tasche ziehen und rumzappeln in dieser welt und auf anderen menschen.

sie muss lachen, aber es gibt nichts zu lachen in diesem schacht, der nicht enden will, in dem die luft knapp wird und man sätze beginnen und worte verhallen hört und bewegung um sich wahrnimmt, die bleibt und geht. und einen verstört und alleine zurücklässt.

hingabe

da war dieses zwingende

wie ein schatten
begleitete es mich
und ich integrierte es

oft lief ich los und vergaß
dann erinnerte ich mich wieder
und lief schneller
in der hoffnung
es unterwegs
abhängen zu können

doch ums eck
schwer atmend
an die hauswand gelehnt
sah ich es
bereits wieder neben mir stehen
ebenfalls atemlos

was will ich nur
fragte ich mich oft
aber durchdenken
wollte ich es nicht

denn es zeigte mir
die nacht
in den schönsten schattierungen
und am morgen
gab ich mich meist hin