der pullover

als teenagerin bediente sie sich an den kleiderschränken ihrer eltern. bei ihrem vater fand sie einen schwarzen pullover, grob gestrickt, mit einem offenen stehkragen ohne knöpfe. er war ohne bund, kantig und klar gehalten, ein klassischer, maskuliner pulli aus den 60ern, der nach dem vater roch. sie mochte seinen geruch. das strickmuster, das vertikale reihen ergab, kannte sie nicht. es schien kompliziert zu sein.

der pullover stammte aus einer zeit, als der vater noch redakteur in einer anderen stadt war. lange bevor der vater nach dem tod des großvaters die firma übernehmen musste. lange bevor der vater bankrott wurde, das geschäft aufgeben musste, alles kaputt war, was andere aufgebaut hatten und worauf man stolz hätte sein können. lange bevor das geschäftsgebäude verkauft war. lange bevor er selber krank war und die wohnung im wohnhaus mieten musste, die ihm vorher noch gehört hatte. die und alle anderen.

der vater schwebte immer über allen. er war von unten meist nicht sichtbar. vergeistigt, nicht anwesend, emotional und materiell verarmt. sein leid opferte er als fanatischer katholik für später, denn man sei nicht hier, um glücklich zu sein, philosophierte er, man müsse alles aufopfern für später und käme so schneller zu gott. er schuf für sie auf der erde einen zementierten ort mit manifesten meinungen und weltfremden maßstäben, die alle annehmen mussten, und kontrollierte unerbittlich von oben. so opferten alle fleißig mit, ob sie wollten oder nicht.

sie ging früh fort und zog in eine eigene wohnung. den pulli nahm sie mit. es war das einzige, was sie vom vater hatte. er hatte den pullover nie mehr eingefordert. der pulli passte perfekt zu kurzen röcken mit strumpfhosen und stiefeln und er stand ihr gut. sie trug ihn, als sie eine lesung hielt. der vater kam überraschenderweise, stellte sich ganz nach hinten, eine flasche bier in der hand, auch das ungewohnt. er hörte zu und sah sich ihre welt an, sie schien ihn nicht abzustoßen. aber er striff ihre welt nur kurz, eine stunde vielleicht.

nach der lesung ging sie zu ihm und sie unterhielten sich. er fragte, was für eine musik laufen würde. sie sagte, das sei „the cure“ mit „one hundred years“. sie setzte noch erklärendes hinzu: englische band, diese platte eher düster etc. er sagte, dass das lied ihm, der eigentlich nur bach und beethoven hörte, eigentlich nicht schlecht gefallen würde. und sie wollte ansetzen und reden. aber gespräche waren nicht erwünscht und er würde nichts speichern, was von ihr kam. sie lachten deshalb nur befangen und gingen zurück. jeder in seine welt.

den pulli verlieh sie dann an eine bekannte aus der wg gegenüber. sie erhielt ihn zwei wochen später zwei, drei nummern kleiner zurück. er sei eingegangen, sagte die bekannte zerknirscht. es täte ihr sehr leid. ob sie ihn ersetzen könne?

ein paar monate später zog sie ganz aus der stadt. auf vintage- oder secondhandmärkten sucht sie seitdem einen ähnlichen pulli. grob gestrickt, ein klassischer, maskuliner pulli aus den 60ern mit stehkragen, das strickmuster. das vertikale reihen ergibt, kennt sie nicht. es scheint kompliziert zu sein.

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