elf wochen

über dem kleinen hafen hängen dunkle wolken. die luft steht, beginnt leicht zu flirren. sie sieht die weiße kirche, versteckt zwischen einer bar und einer pizzeria und einem souvenirladen. es ist ihr egal, ob katholisch oder evangelisch oder sonst etwas, auch der namenspatron ist ihr egal. wichtig ist nur, dass man kerzen anzünden kann, sie kann nicht umhin, das zu tun, obwohl sie schon lange nicht mehr gläubig ist.

wind kommt auf, erste bewegung kommt in die menschen. sie stellt sich einen ameisenhaufen vor, aufgescheucht, erste unruhe. die wolken werden gewaltiger, der wind kräftiger. sie geht die rampe zur kirche hoch. die kirche ist katholisch, schmal, nicht besonders groß, dunkel. innen erwartet sie kühle, sie ist überrascht, welch heiße luft ihr entgegenschlägt. stehend. brütend. keine zirkulation. hitze geht von den angezündeten kerzen aus. ein dunkle unangenehme heiße höhle. ein schwarzes buch liegt neben den kerzen. enthält wünsche und bitten. eine kerze 50 cent. sie kauft vier für zwei euro und entzündet alle.

dann dasselbe spiel wie immer: eine kerze für sich selbst, um sich zu stärken. drei für die anderen. nur wie gewichtet? eine hat einen namen. die anderen tragen mehrere. die letzte steht für alle menschen, die sie liebt. wie immer ist sie unzufrieden mit der gewichtung. sie will umbenennen, umschlichten, neu ordnen. ist überfordert. sagt sich, sie würde später alles durchdenken und eine gerechte aufteilung für alle finden. später.

draußen hat sich das wetter weiter verschlechtert. die menschen laufen gezielt und wirr gleichermaßen auf dem platz, der sich deutlich leert und die mitte freigibt. vom hafen bedrohliches licht. erstes grollen.
sie geht an den hauswänden entlang. sie hat nicht weit bis zur pension.
in den hauseingängen wartende menschen, die sich beratschlagen. die pension taucht auf, sie erreicht den eingang, der große klimaanlagen beherbergt. siedendheiß und nach fett und fisch riechend. die temperatur bestimmt 45-50 grad im eingangsbereich. die tür fällt hinter ihr ins schloss.

der sommer würde noch elf wochen dauern.

die tür würde ins schloss fallen und hinter ihr würde ein unwetter hereinbrechen, das der kleine ort am mittelmeer so noch nicht erlebt hatte. hagel würde niederprasseln, stundenlang, kleine spitze weiße körner, die schmerzten. er würde menschen verletzen und tiere, ernten vernichten und pflanzen, bäume würden noch jahre später ihre narben zeigen, hauswände, dächer, jalousien und autos ihre wunden, wie kleine einschusslöcher aus dem krieg. der hausgang wäre überflutet worden, die straßen noch lange weiß, die temperatur herabgekühlt. die menschen wären stundenlang beschäftigt, wasser zu beseitigen, hagelkörner kübelweise herauszutragen und auf die straße zu schütten. sie würden frieren und schwitzen und danach müde zusammensitzen, vereint durch eine naturgewalt.

danach würde der sommer noch elf wochen dauern.

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