weiden IV

im keller findet sie eine tüte mit dias. sie stammen aus der zeit, in der der vater mit seinem verein bemüht war, alte häuser vor dem abriss zu bewahren und zu verhindern, dass die stadt mit modernen bauten „verschandelt“ wird, wie er es nannte. die bilder sind von 1960-1980. den vater als fotografen hat sie vorher noch nie bewusst wahrgenommen. er fotografierte zweckbezogen, um architektur und stadtplanung zu dokumentieren. sie jedoch interessiert sich für die fotografie als kunst, als seine kunstform, seinen blick, seine bildsprache, seinen ausdruck. die bilder sind gut fotografiert; er schien sich mit seiner kamera ausgekannt zu haben.

oft sind es alte bröckelige hausfassaden mit unterteilten fenstern und einer katze auf der fensterbank, die er ablichtete; diese bilder romantisiert, fast schon kitschig. dann durchbricht die neue architektur diese romantik. die bilder hier betont kahl, betongrau, kaum farbig. es finden sich fotos von gärten mit jägerzäunen, die der geschätzte dieter wieland so oft kritisch besprochen hat; niemand ahnte damals etwas von heutigen schottergärten, kunstrasenflächen und steingittersäulen. sie findet dias von grellen unnatürlich wirkenden geranien in kästen und plattgemähtem rasen, blaugrüne akkurat eingepflanzte koniferen, von mit fliesen zugespachtelten häuserfassaden, von modernen kalten und gesichtslosen fenstern und türen. dann wieder bauerngärten, bunt und verwildert.

ihr lieblingsbild wird ein bild des rathausneubaus der kleinen nachbargemeinde, der dem vater nicht gefiel. sie findet das bild wunderbar, das der vater 1972 fotografiert haben muss. es erinnert sie an die filme von jacques tati. kannte ihr vater ihn? sie lässt das dia digitalisieren und ausdrucken und hängt das bild auf. ihre sicht auf die dinge. wie so oft komplett anders.

ein altes puppenhaus verwittert im keller. irgendjemand hat es vor ein paar jahren neu gestrichen und mit kleinen gardinenleisten versehen. es ist nicht mehr das, das sie kannte. ein grüner kinderstuhl, ein korbpuppenwagen. viele plätzchendosen, die noch nach weihnachtsplätzchen riechen. eine lila halskette mit glaswürfeln der oma, die nach über 30 jahren noch nach deren parfüm riecht. sie erinnert sich. und erinnert sich doch nicht. verweigerung. lücken.

die druckerei ist jetzt eine ebenerdige wohnung. die buchstaben an der hausfassade sind schon lange weg; der neue hausbesitzer hat sie auf dem dachboden. sie will die neue wohnung kaufen. der neue besitzer will nicht verkaufen. „du musst abschließen“, werden ihr alle sagen. natürlich. was auch sonst. sie braucht dringend einen neuen ort. irgendwo.

oben in der wohnung der mutter: das leben eines menschen wird ausgeräumt. schuhputzsachen, kosmetikartikel, wasch- und putzmittel. kleidung. bücher. haushaltsgegenstände. möbel. lebensmittel. akten. notizen. so viel persönliches in allen schubladen, schränken, auf tischen, das sich in das eigene leben drängt, ein bild, das sich formt, ein tagesablauf, ein lebenslauf, lebensgewohnheiten, denkweisen. sie muss alles wegschieben und beiseite räumen, um sich selbst in diesem chaos nicht zu verlieren.

niemand soll jemals von ihr so viel wegräumen müssen. die last der gegenstände. sie verschwinden in containern, auf flohmärkten und in sozialkaufhäusern. sie werden verschenkt, verkauft oder weggeschmissen. übrig bleibt nur das liebste und wichtigste, das einzug hält in das zimmer im altersheim. erinnerungen werden hochgespült und aufgewühlt.

beim laufen durch die straße wird ihr klar: dieser weg wird nicht mehr anfallen. er kann höchstens noch freiwillig gegangen werden oder nie mehr. sie ist ihn tausendmal gelaufen und gefahren. jetzt gehört der ort jemandem anderen. in der stadt heimatlos geworden führt der weg zum hotel.

© otmar nickl

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s