zerklüftete welt

ich begab mich
auf eine reise
in eine neue welt

sie war mir
fremd und
vertraut zugleich

sie regte meine fantasie an
und legte sorgfältig zugedecktes
offen

ich begab mich
auf eine reise in eine neue welt
zerklüftet und
nicht leicht zugänglich

und meine wünsche
besiegten die zweifel

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gedankenfluss

es war nur ein kleiner gedanke
ich dachte ihn nur kurz
dann verwarf ich ihn

dann dachte ich ihn etwas länger
dann verwarf ich ihn erneut
und die zeit verging

sie gab mir nichts zum anlass
sie ging nur vor sich hin
ohne mich zu erinnern

dann kam eine stimme
die ich verwerfen wollte
aber nicht konnte
und gedanken
die ich mitdachte

und eine geschichte
die sich schrieb
wie von selbst

und die zeit fühlte sich gut an
und sie ließ mich sanft werden
und vergeben

und die gedanken flossen
und flossen
und namen wurden gesprochen

ernte

du schwebst mit mir
und verwurzelst mich
du lässt mich fliegen
und fallen
in einem atemzug

du kommst ganz nah
und dann verschluckt
dich die erde

du überschüttest
und entziehst
du pflanzt
und verteilst
deinen samen

und lässt
die ernte
stehen

die sache mit dem taxi

sie hatten sich in ihrer kneipe verabredet. es war 21 uhr, draußen war die stadt von blitzeis überrascht und überzogen worden. die gehwege gefährlich glatt, die straßen durch streusalz gewässert und befahrbar. nach kritik an den räumarbeiten der letzten tage waren die räumfahrzeuge jetzt kamikazemäßig unterwegs. der fahrer hielt rücksichtslos auf sie zu, raste über den bürgersteig, streifte eine laterne, blinkendes oranges licht zuckte wild und wirr. sie konnten sich nur durch einen sprung in den aufgetürmten schnee retten.

zuerst waren sie nur zu dritt in der kneipe. sie bestellte einen kleinen wein und wasser und erhielt wie immer ein glaskännchen mit rotwein und ein weinglas, diesmal ein kleines schön geschliffenes aus den 50ern. sie glaubte, dass der wirt „trollinger“ gesagt hatte, aber sicher war sie sich nicht. hauptsache rot und trocken. und egal. „du kennst dich ja aus“, hatte der wirt vielleicht auch noch gesagt.

aber ahnung hatte sie von allem stets immer nur die mitte. immer die mitte. aber so was von exakt die mitte.

zwei minuten später kam der wirt noch einmal mit einem rotweinglas. „dieser wein soll besser sein“, sagte er. sie würde den abend über die beiden weingläser, das wasserglas, die wasserflasche und die kleine weinkaraffe vor sich sortieren und ausrichten und beide weine durcheinander trinken.

ihr freund bekam gerade ein bier, ihre freundin bestellte auch einen rotwein, als ein etwa 35- bis 40-jähriger untersetzter mann den raum betrat. er trug einen beigen, fast weißen anorak mit weißem fellbesatz an der kapuze. in der hand hatte er eine auf ein rechteck gefaltete orange tüte fest im griff. er ging auf die freundin zu und sagte fordernd und nicht besonders freundlich: „i need a taxi“. die freundin ging sofort auf den mann ein, während sie selbst einen fluchtimpuls verspürte und am liebsten gleich an den kneipenwirt verwiesen hätte.

die freundin erreichte eine taxizentrale. sie übersetzte, dass ein mann ein taxi nach prag bräuchte, er säße in der und der kneipe, ja, sofort, ja, das sei teuer, das wisse er. ja, er hätte einen ausweis, gab sie weiter, nachdem sie sich den ausweis hatte zeigen lassen, ja, gab sie weiter, auch geld hätte er, nachdem sie sich das geld hatte zeigen lassen, das sich in der aufgesetzten tasche am oberschenkel der jeans befand. ein bündel hundert-euro-scheine seien es gewesen, sagte die freundin danach. es würde ein taxi kommen, gab die freundin an den mann weiter, der sich an einen entfernten tisch im raum gesetzt hatte, zehn minuten würde das etwa dauern.

sie alle glaubten nicht daran.

der wirt gab dem mann, der unruhig und nervös am tisch saß, ein glas leitungswasser. sie war erleichtert. war genervt von ihrem misstrauen. der mann wollte zahlen. der wirt nahm das geld nicht an. der mann legte dennoch eine münze auf den tresen.

keine zehn minuten später verließ der mann im weißen anorak plötzlich die kneipe. er ging schnell, ohne sich zu verabschieden. kein taxi hatte draußen gehalten, da war sie sich sicher, auch kein anderes auto. der mann ging einfach nach links und verschwand in der eisüberzogenen stockdunklen stadt. sie guckten sich verwundert an, zuckten mit den schultern.

drei weitere freunde trafen ein. wie schön, dass sie sich aus den warmen wohnzimmern hierher auf den weg gemacht hatten. durch das eis. nachts. an einem donnerstag abend. sie zogen an einen größeren tisch am eingang um, nahe der großen schaufenster. der freund bestellte ein colaweizen, seine frau gin tonic, herr v. eine flasche wasser.

sie unterhielten sich bald lebhaft und die stimmung war gut. sie kabbelten sich und lachten und viele themen wurden gestreift, fußball, kunst, die stadt, die schulzeit, das leben allgemein, als ein taxi draußen hielt. der fahrer kam herein und fragte nach dem fahrgast nach prag. der sei verschwunden, sagten sie. warum es so lange gedauert habe, fragte die freundin, die sich gekümmert hatte, leicht pikiert. eine halbe stunde hätte das gedauert, keine zehn minuten. der taxifahrer meinte, durch das glatteis sei sehr viel los und eine fahrt nach prag sei ja doch etwas besonderes um 22 uhr nachts. und dass er eigentlich jetzt froh sei, dass er nicht mehr nach prag fahren müsse sondern nur nach weiden-west vielleicht oder zum hammerweg. oder wenn es hochkäme nach ullersricht. nur prag eben nicht mehr. und er verabschiedete sich und ging zu seinem taxi.

herr v. erzählte dann lange von seinen früheren reisen in die ddr und nach polen. spannende geschichten über grenzbeamte und -kontrollen, korruption, geldtausch, sein altes geliebtes auto, historische stätten. ganze drei wochen sei er damals in polen unterwegs gewesen. und dort habe er einmal männer und frauen an einer straße stehen sehen und sich gedacht, es handle sich um einen straßenstrich. aber nein, sie hätten etwas anderes verkauft.

sie unterbrach: „ihr habt jetzt etwas entscheidendes nicht mitbekommen. während herr v. erzählte, hielt draußen in der zwischenzeit nämlich ein silberner mercedes. ein kleiner drahtiger mann mit kurzem lockigen schwarzgrau-meliertem haar kam herein und ging, von euch unbemerkt, hinter euch vorbei. er war ca. 40 jahre alt, trug jeans und eine dunkelblaue wattierte jacke. er ging suchend und forsch durch den raum ohne zu grüßen und ohne etwas zu sagen. er wirkte schlecht gelaunt und verließ die kneipe wieder und fuhr weg. ich sage euch das nur, weil ihr euch das merken müsst. für aktenzeichen xy später. 7.2.2019, weiden, 22 uhr, hier in dieser kneipe.“

die freundin fragte: „hast du denn das ende der anderen geschichte mitbekommen?“

„ja,“ antwortete sie. „die männer und frauen an der straße in polen verkauften geräucherten aal. und der war tatsächlich nicht schlecht.“