steinhart

aus „nordstadtblues – ein epos auf die epoche der sehnsucht“

unsichtbarer
halt

wankendes
gleichgewicht

aus stein
gemeißelt

wieg mich
in deinen armen

aus stein
geschält

umschling mich
weich
und
hart

verschlucke mich
bis tief
in den kern

© wolfgang skodd

tagegrapscher

aus „nordstadtblues – ein epos auf die epoche der sehnsucht“

die nacht
beherrscht
das chaos

läutete
nicht eben
das telefon
auf der suche
nach zeit

minuten saugen
aus der dunkelheit
minutensauger
sekundenzeiger

klick klack
tick tack

nichtsahnender
sekundenkleber
tagegrapscher

du weißt nichts
ehe es nicht
vorbei ist

© klara niklas

atmen

es war das jahr, in dem sie ziemlich viel verlor.
einen ort. freunde.

vieles musste neu geformt werden. im ton in ihren händen waren splitter,
im gebrannten ton brüche. es galt, vorsichtig zu sein.

am morgen stand sie auf. am abend ging sie schlafen.
sie schlief mal gut, mal blieb sie wach.
mal träumte sie alles klar, mal träumte sie wirr.

einmal tanzten zwei menschen und verschmolzen zu ying und yang.
schwarz und weiß gekleidet, einer bog sich nach rechts, einer nach links.
sie tanzten pogo zu the cure. eine schwarzweiße symbiose.
es gab nichts mehr hinzuzufügen.

jemand drohte ihr im traum, jemand lachte sie aus.
es waren harte zeiten.

gisbert sang ihr aus der seele. und kettcar.
sie saß im auto und im zug.
sie aß veganes porridge mit obst und zimt.
sie trank zu viel kaffee. dann wieder tee oder etwas mit ingwer.
sie hatte viele fragen. sie suchte ratgeber auf youtube.
sie hörte dämpfende meditationsmusik, die sie einlullte.
sie zündete räucherkerzen an, deren rauch sie mit den
händen aus dem fenster vertrieb.
sie roch verzweifelt nach patchouli und weißem salbei.
sie brachte alle zum gähnen.
der litanei-leierkasten ächzte.

sie ließ vieles los.

sie suchte die funken am horizont.
ihr blick kurzsichtig und verkniffen.
ihre gedanken verfärbt und verwaschen.
sie hoffte, dass ihre worte davon unberührt bleiben würden.

sie atmete.

rot

der wein war so rot

ich reichte dir
mein herz
auf einem silbertablett

du verspeistest es roh
und pulsierend
aus deinen händen

du labtest dich
an meinem herzblut

reinweiß
war schon lange
nichts mehr

ich prostete mir zu
und fand mich wunderschön
und begehrte

der wein
so rot
mein herz

© klara niklas