atmen

es war das jahr, in dem sie ziemlich viel verlor.
einen ort. freunde.

vieles musste neu geformt werden. im ton in ihren händen waren splitter,
im gebrannten ton brüche. es galt, vorsichtig zu sein.

am morgen stand sie auf. am abend ging sie schlafen.
sie schlief mal gut, mal blieb sie wach.
mal träumte sie alles klar, mal träumte sie wirr.

einmal tanzten zwei menschen und verschmolzen zu ying und yang.
schwarz und weiß gekleidet, einer bog sich nach rechts, einer nach links.
sie tanzten pogo zu the cure. eine schwarzweiße symbiose.
es gab nichts mehr hinzuzufügen.

jemand drohte ihr im traum, jemand lachte sie aus.
es waren harte zeiten.

gisbert sang ihr aus der seele. und kettcar.
sie saß im auto und im zug.
sie aß veganes porridge mit obst und zimt.
sie trank zu viel kaffee. dann wieder tee oder etwas mit ingwer.
sie hatte viele fragen. sie suchte ratgeber auf youtube.
sie hörte dämpfende meditationsmusik, die sie einlullte.
sie zündete räucherkerzen an, deren rauch sie mit den
händen aus dem fenster vertrieb.
sie roch verzweifelt nach patchouli und weißem salbei.
sie brachte alle zum gähnen.
der litanei-leierkasten ächzte.

sie ließ vieles los.

sie suchte die funken am horizont.
ihr blick kurzsichtig und verkniffen.
ihre gedanken verfärbt und verwaschen.
sie hoffte, dass ihre worte davon unberührt bleiben würden.

sie atmete.

rot

der wein war so rot

ich reichte dir
mein herz
auf einem silbertablett

du verspeistest es roh
und pulsierend
aus deinen händen

du labtest dich
an meinem herzblut

reinweiß
war schon lange
nichts mehr

ich prostete mir zu
und fand mich wunderschön
und begehrte

der wein
so rot
mein herz

© klara niklas

das treppenhaus

der termin war um 11 uhr. sie fand das haus und läutete. der türsummer ertönte, sie zog die schwere tür auf. der hausgang war steril und mit gesprenkelten steinfliesen ausgelegt, geradeaus führte eine graue betontreppe steil nach oben. die agentur war im siebten stock, sie suchte den aufzug und fand ihn in einem schmalen flur, der versteckt links lag, nur spärlich beleuchtet durch das licht, das durch die eingangstür einer firma fiel. kein bewegungsmelder sprang an und erhellte den flur, der schwarz vor ihr lag. der aufzug schimmerte schwach silbern, durch die türen fiel ein spalt grelles neonlicht, den aufzugschalter musste sie ertasten.

der aufzug fuhr langsam an, es dauerte ewigkeiten, bis er oben ankam. sie stand in den vorräumen einer investmentfirma und entnahm dem hinweisschild, dass sie den letzten stock zur agentur nur über eine treppe erreichen konnte. weiße treppenfliesen und weißer putz, durch das glasdach endlich tageslicht und sonne. oben angekommen belohnte einen die aussicht. „wunderbar, einzigartig, bombastisch“, das würden die besucher der agentur sagen, beeindruckt von der rundumsicht, der weite und den sehenswürdigkeiten der stadt.

nach dem besprechungstermin lief sie das helle treppenhaus hinab, landete wieder im stockwerk der investmentfirma, fand aber den aufzug nicht mehr. egal, sie würde das treppenhaus nehmen, das man rechts sehen konnte. nach unten ist leichter als nach oben, dachte sie. geht ja schnell. wieder setzte kein bewegungsmelder licht in gang, wieder fand sie keinen lichtschalter, aber sie konnte die stufenabsätze gut sehen und die ersten stufen waren kein problem, aber bei der ersten biegung schon erschien es ihr, als würde der lichteinfall weiter abschwächen. sie suchte sicherheitshalber den stählernen geländerlauf. eine weitere firma erschien im fünften stock. durch die glastür fiel beiges tageslicht, kein künstliches licht war zu sehen, die firmenräume verwaist und leer. der nächste stock erschien ihr wieder dunkler, aber nur noch ein paar stockwerke, die könne man ja wohl zu fuß bewältigen.

ihre hand fester am handlauf.

erste erinnerungssprenkel fielen ihr ein. geschichten der erfolgreichen betriebswirtschaftler unter der agentur, alles junge männer frisch vom studium, mit kurzen mänteln und engen hochgekrempelten chinohosen, die über den knöcheln endeten, die braungebrannten füße in lederslippern, die haare stets frisch geschnitten, die meisten trugen akkurate mit bartöl gepflegte bärte, ihr aftershave hatte den aufzug eingenommen, sie glaubte, den geruch auch im treppenhaus wahrzunehmen. ein dumpfes grollen, das sie nicht zuordnen konnte, kam von unten und verschwand wieder, hinterließ einen leichten druck auf ihren ohren und ihrem brustkorb. eine party hätte sie neulich gefeiert, die firma, am nächsten morgen hätte vor dem aufzug noch einer zugekokst und betrunken gelegen, man lachte.

sie ging weiter, lauschte, es war still. es schien ihr, als wäre die luft dicker und dichter, auch war das treppenhaus nicht kalt, eher schwül, der beton hatte wärme gespeichert und sauerstoff verschluckt. egal, es ist nicht mehr weit. sie war schon im dritten stock angelangt, als sie merkte, dass es keine durchscheinenden türen mehr gab. brandschutztüren aus stahl ersetzen ihren platz. ihr fiel ein, dass es drei stockwerke geben musste, die an ein hotel angrenzten, anscheinend die notausgänge. aber wo war die beleuchtung, es wurde immer dunkler, es gab kaum noch umrisse.

sie griff nach ihrem handy, holte kurz luft, ihr herz schlug schneller, sie spürte das pochen im hals. sie zwang sich, konzentriert zu atmen und versuchte, die taschenlampe des handys zu aktivieren, doch das funktionierte nicht. kein bläuliches licht kam aus dem handy, der schalter gab keine beleuchtete pineingabe frei. nichts. sie griff nach dem geländer, ging weiter nach unten. der weg nach oben wäre mittlerweile anstrengender, sie sei ja fast unten, redete sie sich ein. hörte sie da nicht… sie lauschte in den dunklen schacht, stieg stufe für stufe hinab, wieder eine kurve, wieder ein eck, weiter, weiter.

ihre augen gewöhnten sich nur langsam an die dunkelheit. es kam ihr vor, als würde sie mit der rechten hand, die das geländer umklammert hatte, jahrealten schmutz vor sich herschieben. wo seid ihr alle, schoß es ihr durch den kopf, wo wart ihr, und wo seid ihr jetzt alle hin?

zwei stockwerke weiter glaubte sie, ein atmen hinter sich wahrzunehmen. einen hauch, eine bewegung. sie ging schneller, ein fluchtimpuls überkam sie, der treppenschacht schien kein feind zu sein, oder doch? es hielten sich oft leute im haus auf, die dort nichts zu suchen hatten, war ihr erzählt worden. wo sollten sie sein, wenn nicht hier?

ich muss doch angekommen sein, fragte sie sich irgendwann, beim wiederholten ums eck gehen. sagt mir doch mal einer, wann die eingangstür kommt, durch die ich nach draußen gelange. auf die zweispurige einbahnstraße mit den vorbei rasenden autos, damit ich luft bekomme und den geruch loswerde, der sich in meiner jacke und meinen haaren gefangen hat, von diesen finanz- und werbemenschen, die nur zugekokst rumliegen und anderen das geld aus der tasche ziehen und rumzappeln in dieser welt und auf anderen menschen.

sie muss lachen, aber es gibt nichts zu lachen in diesem schacht, der nicht enden will, in dem die luft knapp wird und man sätze beginnen und worte verhallen hört und bewegung um sich wahrnimmt, die bleibt und geht. und einen verstört und alleine zurücklässt.

hingabe

da war dieses zwingende

wie ein schatten
begleitete es mich
und ich integrierte es

oft lief ich los und vergaß
dann erinnerte ich mich wieder
und lief schneller
in der hoffnung
es unterwegs
abhängen zu können

doch ums eck
schwer atmend
an die hauswand gelehnt
sah ich es
bereits wieder neben mir stehen
ebenfalls atemlos

was will ich nur
fragte ich mich oft
aber durchdenken
wollte ich es nicht

denn es zeigte mir
die nacht
in den schönsten schattierungen
und am morgen
gab ich mich meist hin

die sache mit dem taxi

sie hatten sich in ihrer kneipe verabredet. es war 21 uhr, draußen war die stadt von blitzeis überrascht und überzogen worden. die gehwege gefährlich glatt, die straßen durch streusalz gewässert und befahrbar. nach kritik an den räumarbeiten der letzten tage waren die räumfahrzeuge jetzt kamikazemäßig unterwegs. der fahrer hielt rücksichtslos auf sie zu, raste über den bürgersteig, streifte eine laterne, blinkendes oranges licht zuckte wild und wirr. sie konnten sich nur durch einen sprung in den aufgetürmten schnee retten.

zuerst waren sie nur zu dritt in der kneipe. sie bestellte einen kleinen wein und wasser und erhielt wie immer ein glaskännchen mit rotwein und ein weinglas, diesmal ein kleines schön geschliffenes aus den 50ern. sie glaubte, dass der wirt „trollinger“ gesagt hatte, aber sicher war sie sich nicht. hauptsache rot und trocken. und egal. „du kennst dich ja aus“, hatte der wirt vielleicht auch noch gesagt.

aber ahnung hatte sie von allem stets immer nur die mitte. immer die mitte. aber so was von exakt die mitte.

zwei minuten später kam der wirt noch einmal mit einem rotweinglas. „dieser wein soll besser sein“, sagte er. sie würde den abend über die beiden weingläser, das wasserglas, die wasserflasche und die kleine weinkaraffe vor sich sortieren und ausrichten und beide weine durcheinander trinken.

ihr freund bekam gerade ein bier, ihre freundin bestellte auch einen rotwein, als ein etwa 35- bis 40-jähriger untersetzter mann den raum betrat. er trug einen beigen, fast weißen anorak mit weißem fellbesatz an der kapuze. in der hand hatte er eine auf ein rechteck gefaltete orange tüte fest im griff. er ging auf die freundin zu und sagte fordernd und nicht besonders freundlich: „i need a taxi“. die freundin ging sofort auf den mann ein, während sie selbst einen fluchtimpuls verspürte und am liebsten gleich an den kneipenwirt verwiesen hätte.

die freundin erreichte eine taxizentrale. sie übersetzte, dass ein mann ein taxi nach prag bräuchte, er säße in der und der kneipe, ja, sofort, ja, das sei teuer, das wisse er. ja, er hätte einen ausweis, gab sie weiter, nachdem sie sich den ausweis hatte zeigen lassen, ja, gab sie weiter, auch geld hätte er, nachdem sie sich das geld hatte zeigen lassen, das sich in der aufgesetzten tasche am oberschenkel der jeans befand. ein bündel hundert-euro-scheine seien es gewesen, sagte die freundin danach. es würde ein taxi kommen, gab die freundin an den mann weiter, der sich an einen entfernten tisch im raum gesetzt hatte, zehn minuten würde das etwa dauern.

sie alle glaubten nicht daran.

der wirt gab dem mann, der unruhig und nervös am tisch saß, ein glas leitungswasser. sie war erleichtert. war genervt von ihrem misstrauen. der mann wollte zahlen. der wirt nahm das geld nicht an. der mann legte dennoch eine münze auf den tresen.

keine zehn minuten später verließ der mann im weißen anorak plötzlich die kneipe. er ging schnell, ohne sich zu verabschieden. kein taxi hatte draußen gehalten, da war sie sich sicher, auch kein anderes auto. der mann ging einfach nach links und verschwand in der eisüberzogenen stockdunklen stadt. sie guckten sich verwundert an, zuckten mit den schultern.

drei weitere freunde trafen ein. wie schön, dass sie sich aus den warmen wohnzimmern hierher auf den weg gemacht hatten. durch das eis. nachts. an einem donnerstag abend. sie zogen an einen größeren tisch am eingang um, nahe der großen schaufenster. der freund bestellte ein colaweizen, seine frau gin tonic, herr v. eine flasche wasser.

sie unterhielten sich bald lebhaft und die stimmung war gut. sie kabbelten sich und lachten und viele themen wurden gestreift, fußball, kunst, die stadt, die schulzeit, das leben allgemein, als ein taxi draußen hielt. der fahrer kam herein und fragte nach dem fahrgast nach prag. der sei verschwunden, sagten sie. warum es so lange gedauert habe, fragte die freundin, die sich gekümmert hatte, leicht pikiert. eine halbe stunde hätte das gedauert, keine zehn minuten. der taxifahrer meinte, durch das glatteis sei sehr viel los und eine fahrt nach prag sei ja doch etwas besonderes um 22 uhr nachts. und dass er eigentlich jetzt froh sei, dass er nicht mehr nach prag fahren müsse sondern nur nach weiden-west vielleicht oder zum hammerweg. oder wenn es hochkäme nach ullersricht. nur prag eben nicht mehr. und er verabschiedete sich und ging zu seinem taxi.

herr v. erzählte dann lange von seinen früheren reisen in die ddr und nach polen. spannende geschichten über grenzbeamte und -kontrollen, korruption, geldtausch, sein altes geliebtes auto, historische stätten. ganze drei wochen sei er damals in polen unterwegs gewesen. und dort habe er einmal männer und frauen an einer straße stehen sehen und sich gedacht, es handle sich um einen straßenstrich. aber nein, sie hätten etwas anderes verkauft.

sie unterbrach: „ihr habt jetzt etwas entscheidendes nicht mitbekommen. während herr v. erzählte, hielt draußen in der zwischenzeit nämlich ein silberner mercedes. ein kleiner drahtiger mann mit kurzem lockigen schwarzgrau-meliertem haar kam herein und ging, von euch unbemerkt, hinter euch vorbei. er war ca. 40 jahre alt, trug jeans und eine dunkelblaue wattierte jacke. er ging suchend und forsch durch den raum ohne zu grüßen und ohne etwas zu sagen. er wirkte schlecht gelaunt und verließ die kneipe wieder und fuhr weg. ich sage euch das nur, weil ihr euch das merken müsst. für aktenzeichen xy später. 7.2.2019, weiden, 22 uhr, hier in dieser kneipe.“

die freundin fragte: „hast du denn das ende der anderen geschichte mitbekommen?“

„ja,“ antwortete sie. „die männer und frauen an der straße in polen verkauften geräucherten aal. und der war tatsächlich nicht schlecht.“