mantra

was blieb
war ein gleichbleibender ton
dem ich nachlauschte

ich schuf mir
ein mantra
das ich herunter leierte

nicht denken
vertrauen
nicht denken
vertrauen

ich sprach es
mehrmals am tag
vor mich hin

schlief gut
in dessen
beruhigenden armen
die mich fest hielten
und sanft schaukelten

der ton wurde leiser
und schwieg irgendwann

nur die stille
blieb
in meinen ohren
als rauschen

ab und an unterbrochen
von einem knacken
von dem ich aufschrak

vorahnung

das blätterrauschen
kündigt
erste tropfen an

im schatten
weitere umrisse
die luft anhaltend

niemand beginnt
zu reden
jeder versteht

erste blätter
wehen über die steinplatten
kalte luft nimmt sich raum
kriecht

nimmt alles laue mit sich

der wind haucht
eine vage vorahnung

tage würden tagen folgen

bonjour tristesse

manchmal stelle ich mir vor, ich sei die hauptfigur in einem film.
der film müsste schwarz/weiß sein und von ja und neins und auf und abs handeln. von menschen, die mich streifen, wenn sie mich streifen möchten.

meist würde ich gespiegelt werden: in schaufensterscheiben von cafés, in monitoren oder der fernsehscheibe, hinter der ein krimi läuft, ein winterkrimi, weiß wie schnee und rot wie blut.

ich würde in den augen von menschen gespiegelt werden oder in deren taten, die mir sagen, wer ich bin und was es daraufhin zu tun gibt.
oder was man besser sein lässt und begräbt im kopf oder im garten.

im film trinke ich sehr viel kaffee oder tee,
manchmal sitze ich auf einem schoß,
manchmal liege ich in einem arm,
sehr oft unter der decke.

im film warte ich meistens.
auf dem immergleichen sessel, den blick zur tür.
man hört das langsame ticken einer uhr und
man sieht mich gespiegelt im glas der wohnzimmertür.
manchmal läutet jemand. an der tür oder im chat oder am telefon.

als soundtrack meines films würde ich bloc party wählen.
als hauptdarstellerin mich selber.
ich selber würde den film mögen.

andere würden aufstehen und gehen und
erst einmal ein bier trinken an einer bar.

im spiegel hinter den aufgereihten flaschen
wäre aber schon wieder ich. gespiegelt.
vor mir ein glas rotwein.
es gibt kein entkommen.
wann versteht ihr denn endlich?

vielleicht trage ich im film
ein weißes shirt mit schwarzen streifen.
oder eine schwarze bluse.
ich bin mir noch nicht sicher.

elf wochen

über dem kleinen hafen hängen dunkle wolken. die luft steht, beginnt leicht zu flirren. sie sieht die weiße kirche, versteckt zwischen einer bar und einer pizzeria und einem souvenirladen. es ist ihr egal, ob katholisch oder evangelisch oder sonst etwas, auch der namenspatron ist ihr egal. wichtig ist nur, dass man kerzen anzünden kann, sie kann nicht umhin, das zu tun, obwohl sie schon lange nicht mehr gläubig ist.

wind kommt auf, erste bewegung kommt in die menschen. sie stellt sich einen ameisenhaufen vor, aufgescheucht, erste unruhe. die wolken werden gewaltiger, der wind kräftiger. sie geht die rampe zur kirche hoch. die kirche ist katholisch, schmal, nicht besonders groß, dunkel. innen erwartet sie kühle, sie ist überrascht, welch heiße luft ihr entgegenschlägt. stehend. brütend. keine zirkulation. hitze geht von den angezündeten kerzen aus. ein dunkle unangenehme heiße höhle. ein schwarzes buch liegt neben den kerzen. enthält wünsche und bitten. eine kerze 50 cent. sie kauft vier für zwei euro und entzündet alle.

dann dasselbe spiel wie immer: eine kerze für sich selbst, um sich zu stärken. drei für die anderen. nur wie gewichtet? eine hat einen namen. die anderen tragen mehrere. die letzte steht für alle menschen, die sie liebt. wie immer ist sie unzufrieden mit der gewichtung. sie will umbenennen, umschlichten, neu ordnen. ist überfordert. sagt sich, sie würde später alles durchdenken und eine gerechte aufteilung für alle finden. später.

draußen hat sich das wetter weiter verschlechtert. die menschen laufen gezielt und wirr gleichermaßen auf dem platz, der sich deutlich leert und die mitte freigibt. vom hafen bedrohliches licht. erstes grollen.
sie geht an den hauswänden entlang. sie hat nicht weit bis zur pension.
in den hauseingängen wartende menschen, die sich beratschlagen. die pension taucht auf, sie erreicht den eingang, der große klimaanlagen beherbergt. siedendheiß und nach fett und fisch riechend. die temperatur bestimmt 45-50 grad im eingangsbereich. die tür fällt hinter ihr ins schloss.

der sommer würde noch elf wochen dauern.

die tür würde ins schloss fallen und hinter ihr würde ein unwetter hereinbrechen, das der kleine ort am mittelmeer so noch nicht erlebt hatte. hagel würde niederprasseln, stundenlang, kleine spitze weiße körner, die schmerzten. er würde menschen verletzen und tiere, ernten vernichten und pflanzen, bäume würden noch jahre später ihre narben zeigen, hauswände, dächer, jalousien und autos ihre wunden, wie kleine einschusslöcher aus dem krieg. der hausgang wäre überflutet worden, die straßen noch lange weiß, die temperatur herabgekühlt. die menschen wären stundenlang beschäftigt, wasser zu beseitigen, hagelkörner kübelweise herauszutragen und auf die straße zu schütten. sie würden frieren und schwitzen und danach müde zusammensitzen, vereint durch eine naturgewalt.

danach würde der sommer noch elf wochen dauern.

der pullover

als teenagerin bediente sie sich an den kleiderschränken ihrer eltern. bei ihrem vater fand sie einen schwarzen pullover, grob gestrickt, mit einem offenen stehkragen ohne knöpfe. er war ohne bund, kantig und klar gehalten, ein klassischer, maskuliner pulli aus den 60ern, der nach dem vater roch. sie mochte seinen geruch. das strickmuster, das vertikale reihen ergab, kannte sie nicht. es schien kompliziert zu sein.

der pullover stammte aus einer zeit, als der vater noch redakteur in einer anderen stadt war. lange bevor der vater nach dem tod des großvaters die firma übernehmen musste. lange bevor der vater bankrott wurde, das geschäft aufgeben musste, alles kaputt war, was andere aufgebaut hatten und worauf man stolz hätte sein können. lange bevor das geschäftsgebäude verkauft war. lange bevor er selber krank war und die wohnung im wohnhaus mieten musste, die ihm vorher noch gehört hatte. die und alle anderen.

der vater schwebte immer über allen. er war von unten meist nicht sichtbar. vergeistigt, nicht anwesend, emotional und materiell verarmt. sein leid opferte er als fanatischer katholik für später, denn man sei nicht hier, um glücklich zu sein, philosophierte er, man müsse alles aufopfern für später und käme so schneller zu gott. er schuf für sie auf der erde einen zementierten ort mit manifesten meinungen und weltfremden maßstäben, die alle annehmen mussten, und kontrollierte unerbittlich von oben. so opferten alle fleißig mit, ob sie wollten oder nicht.

sie ging früh fort und zog in eine eigene wohnung. den pulli nahm sie mit. es war das einzige, was sie vom vater hatte. er hatte den pullover nie mehr eingefordert. der pulli passte perfekt zu kurzen röcken mit strumpfhosen und stiefeln und er stand ihr gut. sie trug ihn, als sie eine lesung hielt. der vater kam überraschenderweise, stellte sich ganz nach hinten, eine flasche bier in der hand, auch das ungewohnt. er hörte zu und sah sich ihre welt an, sie schien ihn nicht abzustoßen. aber er striff ihre welt nur kurz, eine stunde vielleicht.

nach der lesung ging sie zu ihm und sie unterhielten sich. er fragte, was für eine musik laufen würde. sie sagte, das sei „the cure“ mit „one hundred years“. sie setzte noch erklärendes hinzu: englische band, diese platte eher düster etc. er sagte, dass das lied ihm, der eigentlich nur bach und beethoven hörte, eigentlich nicht schlecht gefallen würde. und sie wollte ansetzen und reden. aber gespräche waren nicht erwünscht und er würde nichts speichern, was von ihr kam. sie lachten deshalb nur befangen und gingen zurück. jeder in seine welt.

den pulli verlieh sie dann an eine bekannte aus der wg gegenüber. sie erhielt ihn zwei wochen später zwei, drei nummern kleiner zurück. er sei eingegangen, sagte die bekannte zerknirscht. es täte ihr sehr leid. ob sie ihn ersetzen könne?

ein paar monate später zog sie ganz aus der stadt. auf vintage- oder secondhandmärkten sucht sie seitdem einen ähnlichen pulli. grob gestrickt, ein klassischer, maskuliner pulli aus den 60ern mit stehkragen, das strickmuster. das vertikale reihen ergibt, kennt sie nicht. es scheint kompliziert zu sein.